[Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

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Minza
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[Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

Zeichnung von CNQ
Zeichnung von CNQ
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Die Menschen vom Blauen Wald... tja, ein gewisses Konzept für diese Idee stand eigentlich schon seit einiger Zeit im Raum, spukte in unseren Köpfen und halb ernst, halb träumenden Diskussionen über mögliche Kampagnen der Zukunft herum. Eine Kampagne in der grauen Vorzeit unserer Spezies. Abenteuer mit einer Gruppe Neanderthaler.
GURPS hatte mal ein ganzes Büchlein dazu im Handel, andere Systeme hie und da auch einmal. Aber wirklich durchziehen wollten wir es damit dann nicht unbedingt. Wir warteten. Und dann kam Genesys von FFG. Seltsame Würfel. Skeptische Spieler. Beschnuppern mit anderen, kleinen One-Shots und Projekten. Aber die Möglichkeiten waren groß. Die Ideen mehrten sich.

Und schließlich wollten wir es dann wirklich versuchen, bauten uns schnell einige Neanderthaler zusammen und spielten zu viert unser erstes Abenteuer. Mehr oder weniger aus dem Stehgreif, ohne große Pläne und einfach mal um zu schauen, ob es den richtigen Flair mit sich bringt.
Und der Flair kam. Wir hatten enormen Spaß, wollten weiter diese Welt bereisen und "unseren Stamm", unsere Geschichte ausbauen. Und so bauten wir neue Ideen aus und weitere Freunde schlossen sich uns an, vergrößerten unseren Stamm in Abenteuer #2...

Sowohl von CNQ als auch von mir kamen dann einige Zeichnungen dazu (der Schädel oben ist zB von CNQ) und mittlerweile sitze ich eben wieder an einem kleinen Buch, in dem ich das Erlebte von Seite zu Seite zu Papier bringe. Auch diese werde ich neben den Chroniken unserer Geschichten hier von Zeit zu Zeit posten.

Insofern lade ich Euch herzlich ein, diese Erzählungen mit uns zu erleben. Im Nachhinein, ja... aber die Essenz des Spiels ist sowohl in Wort als auch in den Zeichnungen dennoch vorhanden. Enjoy!


Im ersten Abenteuer spielten:

CNQ als Tola Ta Erm
Dyesce als Haruuk
Spaceball (nicht hier im Forum angemeldet) als Goranga Toe'el Gup

Spoiler:
Ein kleiner Mann auf der Hand

DIE KLEINE JAGDGRUPPE wanderte unter der hohen Sonne über die weite Auenwiese, die bis zum Großen Fluss weit über den Horizont führte. Drei Männer waren es, die nur mit dünnen Hosen und Stiefeln bekleidet durch das hohe Gras stapften. Der Boden unter ihnen war durch den Sommersturm der letzten Tage und dem damit einhergehenden langen Regen matschig und oft mit großen, flachen Tümpeln überzogen und die Mücken labten sich nur nicht an ihrem Blut, weil sie ihre nackte Haut mit einem Gemisch aus Lehm und Kräutern eingeschmiert hatten.
Die drei Männer waren vor zwei Tagen aufgebrochen und hatten zwanzig Menschen an der großen Haupthöhle ihres Stammes zurückgelassen. Dort, am Blauen Wald, hatte der Stamm die Umgebung der Höhle nach verwertbaren Ressourcen abgesucht, nachdem der Sturm endlich abgeklungen war und die Verwüstung im lichten Nadelwald erkundet werden konnte. Eine andere Gruppe aus vier Kundschaftern, das wussten sie, war in die andere Richtung gewandert. Hin zur Küste, wo das endlose Meer seine Wellen gegen die Klippen schlug. Vielleicht hatte der Sturm auch etwas an die Küste gespült. Vielleicht fanden sie dort einige Tiere, die sie erlegen konnten.
Und vielleicht waren auch hier auf den Auen die Herden seit dem Frühsommer wieder zurückgekehrt und die drei Jäger hatten Erfolg bei ihrer Suche nach Fleisch für den Stamm. Die Töchter des Großen Flusses wanden sich durch das Land und in den Teichen und auf den überfluteten Wiesen quakten die Frösche ihr Lied, um die Geister zu feiern und kleine Vögel schnappten im schnellen Flug Fliegen und Libellen.
Einige Enten flogen in weiter Entfernung aus ihrem Versteck im Schilf, zu weit entfernt, um sie mit einem Speerwurf zu treffen. Tola Ta Erm sah den drei Tieren einige Herzschläge hinterher. Er war kein großer Mann, dieser Tola, der Sohn des Großen Flusses. Aber man sah ihm an, dass er in seinen zwanzig Sommern schon viel erlebt hatte. Über seine linke Schläfe zog sich eine breite Narbe und das dunkle, volle Haar war in seinem Nacken zusammengebunden.
Er kam von einem Stamm, der tiefer in den Auen lebte. Wo die großen Büffel in großen Herden zusammen umherzogen. Warum er die Flussmenschen verlassen und einen neuen Namen angenommen, sich den Menschen des Blauen Waldes angeschlossen und ihre Sprache gelernt hatte, wusste nur er. Doch nun war er einer von ihnen. Ein Toe'el Gup. Und er stellte sicher, dass die Menschen vom Blauen Wald wussten, was sie an ihm hatten.
Tola Ta Erms Blick wanderte zu einem kleinen Wäldchen, an dessen Rand er eine Bewegung erkennen konnte. Im Dickicht, wo das Sonnenlicht wie ein Schwarm Bienen unter den Blättern tanzte. Ein Beutetier?
Auch Haruuk hatte seinen Kopf in diese Richtung gedreht und still starrte der große Mann noch lange, während die Bewegung schon verschwunden war. Stark und gestählt war sein Körper von vielen Reisen und Kämpfen und er liebte die Wildnis sogar mehr, als seine Mitmenschen. Doch die Toe'el Gup brauchten Fleisch. Wenn die Jäger nun Erfolg hatten, würden sie als Helden zurück zum Stamm heimkehren.
Tola Ta Erm nickte Haruuk zu, zeigte mit einem schwieligen Finger in Richtung des Waldrandes. Der andere Mann nickte stumm. Beide gingen in die Knie und auch der dritte Mensch folgte ihrem Tun, während Tola Ta Erm mit seiner freien Hand nun andeutete, dass sie ihr Ziel in die Zange nehmen sollten. Dann nahm er einen seiner Speere, die er in der linken Hand trug in die Rechte, testete Gewicht und Ausgewogenheit. Sie waren bereit. Bereit, gemeinsam zuzuschlagen.
Goranga Toe'el Gup blickte vorsichtig über das hohe Gras hinweg. Er war der jüngste Sohn des Anführers der Menschen vom Blauen Wald. Ein Prinz des Stammes. Doch während sein älterer Bruder nach dem Tod des Vaters die Führung über diese Gruppe übernehmen würde, war es Goranga Toe'el Gups Aufgabe, das Wissen und die Lehren des alten Schamanen zu verinnerlichen. In seine Fußstapfen sollte der Mann eines Tages treten. Schon vierundzwanzig Sommer hatte er erlebt und für einen Menschen war er feste gebaut, hatte er doch immer genügend zu essen gehabt und nur selten die Jagdtruppen seines Stammes begleitet. Aber dieses Mal hatte der alte Schamane ihn mit auf die Suche geschickt. Damit die Geister durch ihn sprechen konnten. Damit die Jäger viel Fleisch mit nach Hause brachten.
Er beobachtete, wie Haruuk und Tola Ta Erm nach vorne schlichen, vorsichtig das Gras zur Seite schiebend, immer das Unterholz des Waldes im Blick haltend. Kein Wind kühlte die warme Sommerluft und sie waren zuversichtlich, dass ihr Geruch nicht bis zu den Bäumen drang.
Dann hob ein alter Riesenhirsch sein majestätisches Haupt, das Geweih an einigen Stellen angebrochen, von trockenem, nicht vollends abgeschabtem Bast behangen. Er drehte seinen Kopf in Richtung der Menschen, kaute dann weiter auf den Trieben, die er von den Sträuchern gezogen hatte. Hier am Rand der Bäume konnte er sich zwischen den Gebüschen und jungen Pflanzen ohne große Probleme bewegen. Doch hinter ihm waren die Stämme der Birken ein unüberwindbares Hindernis, in dem er sich mit den verasteten Hornschaufeln auf seinem Haupt unweigerlich verfangen würde.
Die Geister waren den Menschen freundlich gestimmt, das stellte Goranga Toe'el Gup mit kaum hörbaren Lippenschnalzen fest. Die Jäger hatten gute Aussichten und sollte nichts Unerwartetes dazwischen kommen, würden die Toe'el Gup schon bald Hirschfleisch speisen.
Immer noch hatte das alte Tier sein Haupt erhoben, zuckte aufmerksam beim Kauen mit den Ohren, doch nun bemerkte Tola Ta Erm das linke, blinde Auge des Hirschen, milchig und den Rändern verkrustet. Auf dieser Seite würde er nur wenig sehen können, erkannte der erfahrene Jäger und langsam drehte er sich im Gras zu Haruuk, um ihm leise diese Neuigkeit zukommen zu lassen.
Der aber kämpfte gerade mit der Verschnürung seines Fellstiefels, der sich immer mehr mit Wasser vollgesogen hatte und nun bei jedem Schritt schmatzende Geräusche von sich gab. Vorsichtig zog er seinen Fuß aus dem Schutz und ließ das Fell dort liegen. Haruuk hoffte nur, das keine scharfen Splitter im hohen Gras lagen, aber er hatte schon mit schlimmeren Bedingungen zu tun gehabt.
Laut schnaubte der große Hirsch, nervös geworden, dann wieder kauend. Hatte er sie doch gewittert? Hatten sich die Jäger verraten? Tola Ta Erm sah zu Haruuk, sah seinen eindringlichen Blick den seinen treffend. Mit einer kurzen, kleinen Handbewegung deutete er an, dass er einen weiten Bogen machen wollte, um die Flanke des Tieres anzugreifen. Doch Haruuk schüttelte nur irritiert den Kopf. Er verstand nicht, was Tola Ta Erm ihm sagen wollte, erkannte der Jäger aus dem Stamm der Flussmenschen und leise grunzte er, unzufrieden mit dem Verlauf der Dinge.
Dann hob er langsam seinen Speer und Haruuk tat es ihm gleich. Noch waren sie gebückt im hohen Gras versteckt, doch erkannte der Hirsch nun die nahende Gefahr und mit einem lauten Fiepen sprang er weg von Haruuk, den er mit seinem gesunden Auge trotz des Verstecks sehen konnte. Am Waldrand rannte das alarmierte Tier entlang, weg von den hinderlichen Bäumen und so direkt auf Tola Ta Erm zu, der mit einem überraschten Laut zur Seite sprang. Doch der alte Hirsch hatte den Menschen gerade noch wahrgenommen und das breite Geweih gesenkt, riss mit einer leicht abgebrochenen Schaufel eine flache aber lange Wunde in die Brust des Jägers.
Kurz taumelte Tola Ta Erm, dann stieß er seinen Speer von unten in Richtung des großen Schulterblattes. Der scharfe Stein der Spitze drang durch Fell, Muskeln und bohrte sich zwischen die Wirbel des Tieres. Das bäumte sich gequält auf und mit langen Schritten holte Haruuk auf. Wieder war Goranga Toe'el Gup erstaunt, zu welcher Geschwindigkeit dieser Mann im Stande war.
Mit einem tierischen Laut der Anstrengung trieb er seine Waffe in die Flanke des stürzenden Hirsches, lehnte sich mit seinem vollen Gewicht gegen den sich wehrenden Körper. Sehnen rissen und Muskeln überdehnten. Knochen brachen. Mit einem schmerzerfüllten Röhren versuchte der Hirsch sich auf die Beine zu stemmen, mit seinem Geweih wenigstens einen der Menschen über ihm zu treffen. Aber sie waren zu schnell, seine Kraft schwindend. Tola Ta Erm trat auf den Hals des sterbenden Tieres und wollte schon seinen Speer ansetzen, als es sich ein letztes Mal aufbäumte. Er stolperte zurück, dann sprang Haruuk auf die Seite des Hirsches und trieb seinen Speer durch Brustkorb, Lunge und Herz.
Mit weit geöffneten Augen und zuckenden Gliedmaßen hauchte der Hirsch seinen letzten Atem ins platt gedrückte Gras, als Goranga Toe'el Gup angerannt kam. Besorgt betrachtete er die Wunde, die die breite Schaufel auf Tola Ta Erms Brust gerissen hatte, doch hatte der Mann Glück gehabt: die stark blutende Kluft ging nicht bis zum Knochen.
Schnell zog der Schamanenschüler ein Bündel getrockneter Pflanzen aus seiner Tasche, steckte sie sich in den Mund und kaute sie schmatzend und brummend, bis sie ein weicher Brei zwischen seinen Zähnen und Lippe waren. Er zog einige Bastfäden aus der Wunde, pulte den Kräuterbrei zwischen seinen dicken Lippen hervor und strich die Paste in den unregelmäßigen Riss.
Mit zusammengebissenen Zähnen ertrug Tola Ta Erms die Prozedur. Nur ein Grunzen entfuhr seiner Kehle. Als Goranga Toe'el Gup seine Behandlung beendet hatte, entspannte sich der Jäger und legte dem Anderen dankend seine Hand auf den Oberarm, tätschelte die raue Haut freundschaftlich.

Haruuk war schon mit seiner Steinklinge dabei, den Kadaver auseinanderzunehmen. Sie durften hier keine Zeit verlieren, lockte der Geruch doch unweigerlich andere Jäger als Menschen an. Von den Schwärmen an Fliegen ganz zu schweigen. Die anderen beiden Männer begann ihm zu helfen, doch war Haut und Fell an vielen Stellen nicht mehr zu retten, war es doch durch Alter und Krankheiten verdorben und auch große Stücke des Fleisches waren von Larven und Geschwüren verunreinigt.
Vorsichtig griff Tola Ta Erm in den Schädel des getöteten Tieres und holte den gesunden Augapfel heraus, sah ihn kurz stolz an und schob ihn sich dann in den Mund. Enttäuschung wanderte über sein Gesicht, als er erkannte, dass auch diese Köstlichkeit nicht mehr den erwarteten Geschmack hatte, die beste Zeit schon hinter sich hatte.
Sie schnitten so viel gutes Fleisch ab, wie sie tragen konnten, ließen den Rest für die Aasfresser liegen. Mit geübten Handgriffen befestigte Goranga Toe'el Gup einen Hinterlauf an den fein geschnitzten Schamanenstab, balancierte ihn auf seine Schulter und packte das abgenommene Geweih ihrer Beute in die freie Hand, würde es den ganzen Weg bis zu ihrer Höhle mit sich ziehen. Es wog viel, aber der junge Mann war kräftiger, als seine Begleiter es wahrhaben wollten.
Auch die anderen hatten große Stücke Fleisch gesichert und es war dämmrig geworden, als sie merkten, dass sie nicht mehr alleine am Waldrand waren. Ein Schwarm Wildgänse erhob sich warnend schnatternd aus dem hohen Gras, flüchtete mit kräftigen Flügelschlägeln in die Lüfte. Die drei Männer horchten angespannt auf und fuhren herum, als ein Knacken und Schnauben zwischen den Birkenstämmen erklang.
Fünf große, struppige Wölfe standen dort, sahen sie neugierig und mit wachem Blick an. Sie wirkten satt und gut genährt. Wenig aggressiv. Vielleicht waren noch mehr Mitglieder des Rudels in der Nähe, das konnten die Menschen gerade nicht sagen, aber sie wussten, dass jeglicher Kampf vollends unnötig war.
Vorsichtig deutete Tola Ta Erm in die Richtung, aus der sie auf ihrer Suche nach Beute gekommen waren. In Richtung des Blauen Waldes. Langsam, Schritt für Schritt, zogen die Drei los, ließen den Kadaver im Unterholz liegen und nahmen nur ihren Teil der Beute mit. Kein Blick mehr wurde den Wölfen geschenkt und bald schon hörten sie lauteres Schnuppern und ein Jaulen, den Lärm eines kleinen Gerangels zwischen gierigen Mäulern. Doch sie selbst blieben unangetastet...
Weiter in Richtung ihrer Heimat führte sie Tola Ta Erm, der die weiten Auen gut kannte und als die Nacht über sie hereinbrach, ließ er sich von den Sternen leiten und der Mond schenkte ihm genügend Licht, um seinen Weg um Tümpel und Bäche zu finden. Die Frösche sangen ihr Sommerlied und die Luft kühlte angenehm ab.
Einige Zeit war so vergangen, als sie endlich trockenen Boden erreicht hatten. Hier ein Nachtlager aufzuschlagen, war eine sinnvolle Überlegung und schon blickte sich der Jäger der Flußmenschen um, als er ein sich bewegendes Licht in der Dunkelheit erkannte. War dies ein Lagerfeuer? Nein, es schwang herum und blieb wieder stehen, bewegte sich erneut in, vermutlich sogar in Rufreichweite. Tola Ta Erm streckte seinen Arm aus und deutete auf den kleinen Schein in der Nacht.
"Scheinbar sind wir nicht die Einzigen, die hier sind," flüsterte Haruuk.
Menschen. Es mussten andere Menschen sein. Goranga Toe'el Gup nickte ihm erstaunt zu, drehte sich schon zu Tola Ta Erm, um mit ihm zu sprechen, der aber wandte sich lieber an Haruuk. Goranga Toe'el war nur der Schüler des Schamanen. Haruuk bereits ein erfolgreicher Jäger des Stammes.
"Sollen wir mit ihnen sprechen?" fragte der Flussmensch. "Oder weiterziehen?"
Haruuk blickte sich im fahlen Mondlicht um. Hier konnten sie schon ruhen, ohne Frage. Auch ein eigenes Feuer entzünden, ohne das trockene Gras in Brand zu stecken. Aber das Licht war nicht allzu weit entfernt und mit einem eigenen Feuer würden sie ihre Anwesenheit verraten. Hätten sie nicht den Vorteil des ersten Schrittes.
Er schnaubte. "Gehen wir hin. Schauen wir nach, wer es ist."
Es gab neben den Menschen des Blauen Waldes nur drei weitere Stämme in diesem Gebiet: zwei in der Richtung des Großen Flusses und von einem dieser Stämme kam auch Tola Ta Erm und sie waren Haruuk und den anderen bekannt. Und ein weiterer, von dem Goranga Toe'el Gups Vater erzählt hatte und der an der Küste nach Fischen jagte und Muscheln suchte. Bei ihrem letzten Streifzug zum Großen Wasser hatten die Menschen von Blauen Wald diesen Stamm aber nicht mehr angetroffen und niemand wusste, was aus ihnen geworden war. Sie hatten nur leere Höhlen und zerbrochenes Werkzeug gefunden.

Stumm gingen die Drei los und näherten sich so dem Licht in der Nacht, das schon bald als loderndes Feuerchen erkannt wurde. Sie hörten fremde Stimmen, laut und auf eine seltsame Art plätschernd. Beinahe flüssig. Dann verdeckte etwas Großes das Feuer und die drei Männer hielten in ihrem Schritt inne. Tola Ta Erm drehte sich zu seinen Gefährten um, machte mit seiner freien Hand Bewegungen, als würden zwei Kiefer Worte formen. Er wollte, dass auch jemand von den anderen etwas zu den Fremden sagte.
Haruuk nickte und zusammen begann die beiden Männer, in die Nacht zu rufen.
"He!"
"Wir wollen nichts Böses!"
Derweil legte Goranga Toe'el Gup das große Geweih des Hirsches zu Boden und auch das Bein ließ er ins Gras sinken. Er löste die Verankerung an seinem Stab und nur mit diesem traditionellen Werkzeug eines Schamanen machte er einige mutige Schritte nach vorne. Der kleine Tierschädel, der am Kopf des Stabes befestigt saß, reflektierte das Mondlicht auf eine unheimliche aber schöne Weise.
Ein helles Surren. Lang und wütend, wie der Flug einer Hornisse. Dann schlug neben Goranga Toe'el Gups Fuß ein seltsam dünner Speer in den Boden ein, blieb dort zitternd stecken. Mit angehaltener Luft und plötzlichem Schweiß auf der Stirn blieb der Schamanenschüler stehen.
Ein Ruf aus der Dunkelheit erklang, dann das Geräusch einer Hand auf nackter Haut. Ein Schmerzenslaut und das unverkennbare Lachen amüsierter Menschen. Immer noch stand Goranga Toe'el Gup wie festgewurzelt neben dem Speer, Tola Ta Erm stimmte aber in das Lachen aus der Nacht mit ein und so abrupt wie sie aufgeblüht waren, verschwanden die Stimmen auch wieder.
Dann schälten sich vier Menschen aus der Dunkelheit. Sie sahen seltsam und fremd aus, mit hochgewachsenem, zerbrechlich wirkendem Körperbau. Ihre Gesichter hatten kleine, schmale Nasen und spitze Kinne. Die Stirne waren hoch und ihre Brauen schützten ihre Augen nicht. Die Kleidung, in die sie gehüllt waren, war der der Menschen aus dem Blauen Wald nicht unähnlich, die Stiefel ebenfalls aus Fellen und Schnüren gebunden.
Die Fremden stutzten kurz, als sie die drei Männer sahen und Tola Ta Erm und Haruuk grüßten sie mit ruckartigem Kopfnicken, hielten ihre Speere weit von ihren Körpern, die Spitzen gen Sterne gerichtet.
Die fremden Menschen hatten keine sichtbaren Waffen und nur einer der Männer trug eine leere Lederschneide am Gürtel, in der ein kleines Steinmesser passen würde. Er stellte sich vor Goranga Toe'el Gup, sah ihn kurz neugierig an und berührte dann vorsichtig die Schulter des Anderen. In der blubbernden Sprache sagte er ein paar Worte.
Goranga Toe'el Gup nahm all seinen Mut zusammen und griff langsam nach vorne. Er berührte die Schulter des größeren Menschen, der so anders als alle anderen Menschen, die er kannte, aussah. Beide begannen, breit zu lächeln. Auch die anderen Fremden waren stehen geblieben und fassten sich an die Stirn, deuteten auf Goranga Toe'el Gup und sprachen in nicht allzu leisen Stimmen miteinander.
Dann zeigten sie in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren und wieder war dort das flackernde Feuer zu sehen. Einer der fremden Männer sprach etwas unverständliches, zeigte auf die drei Menschen aus dem Blauen Wald und dann in die Dunkelheit, die sie nach ihrer Jagd durchwandert hatten. Doch was wollten er genau wissen? Was sie dort draußen zu suchen gehabt hatten? Wo ihr Stamm wohnte?
Tola Ta Erm entschied sich, nicht all zu viel von sich zu verraten. "Da sind Wölfe." Er zeigte mit einem Speer in die Nacht.
Das Unverständnis auf den Gesichtern der Fremden war deutlich zu erkennen. Doch dann deuteten sie auf ihre Münder und lachten und winkten sie zum Feuer, luden sie ein, sich zu ihnen zu gesellen. Haruuk trat an Goranga Toe'el Gup vorbei und griff nach unten, zog den seltsamen Speer aus dem Boden und ging Tola Ta Erm und den anderen Menschen nach.
Goranga Toe'el Gup hob Geweih und Fleisch aus dem Gras und zwei der fremden Menschen sprangen zu ihm und halfen ihm beim Tragen, einer von ihnen mit schnalzender Zunge und einigen kurzen, harten Faustschlägen gegen den eigenen Hinterkopf. Der andere deutete auf das nahe Feuer und Goranga Toe'el Gup glaubte zu verstehen. Er senkte seinen Kopf und überließ den Hinterlauf den beiden Menschen, die es freudig zu ihrem Lager brachten.
Das flackernde Feuer war mit Mufflonhörnern und gespannten Fellen vor dem Wind gesichert und noch sieben weitere Männer und zwei Frauen saßen hier im Kreis. Alle hatten ähnlich seltsame Züge wie die ersten Fremden, die ihnen in der Nacht begegnet waren, ihre nun sichtbar dunklere Haut mit hellen Farben bemalt.

Mit eindeutigen Gesten luden die Menschen am Feuer die drei Jäger nun ein, bei ihnen zu sitzen und lachend zupften sie an deren Kleidung und der älteste von ihnen - ein alter, dünner Kerl mit weißen, krausen Haaren und Bart, über und über mit weißen Streifen und Punkten bemalt - stand nun auf und sprach laut mit den Männern, die sie hier hergeführt hatten. Er deutete auf das Fleisch, das immer noch in ihren Armen lag und eine der Frauen stand auf und nahm das kostbare Gut an sich. Goranga Toe'el Gup deutete von seiner Brust über das Fleisch hin zur Fremden und die lächelte ihn mit großen Zähnen an und trug die Keule mit ihren Kumpanen zum Feuer.
Als die drei nun zwischen den seltsam aussehenden Menschen saßen, streifte Goranga Toe'el Gup die Büffelblase vom Rücken, die ihm als Wasserschlauch diente und nahm einen Schluck des sorgsam vergorenen Saftes, das er darin gelagert hatte. Als die anderen ihm neugierig zusahen, deutete Haruuk mit Mimik und einigen Bewegungen an, dass der Inhalt scharf sei, grinste dann breit, als einer der Fremden den Schlauch neugierig an sich nahm.
Schon wollte der Mann trinken, hielt dann aber unter Goranga Toe'el Gups amüsierten Blick inne und schnupperte an der kleinen Öffnung, hustete kurz lachend. Die anderen Menschen fielen in das Gelächter ein. Der Neugierige trank, schluckte und schlug sich dann auf den Hinterkopf. Er reichte den Schlauch an den Nächsten weiter.
Die anderen Fremden hatten allerlei Dinge aus ihren Tragetaschen geholt und die zweite, jüngere Frau fixierte eine kleine Schale zwischen ihren Fußsohlen, pürierte etwas mit einem schweren Stock. Wie zermahlene Leber sah es aus und es roch würzig, beinahe erdig und mit dünnen Fingern streute die Frau noch ein Pulver darüber und gab die Schale dann zu ihrem Nebenmann, der mit zwei Fingern in die Paste eintauchte und sich diese dann in den Mund steckte.
Tola Ta Erm entspannte sich. Alle schienen friedlich und er sah in die Runde, fing dann an, zuerst leise zu singen, dann immer laute. Nicht die traditionellen, gutturalen Melodien, die ihren Platz in den alten Riten hatten, sondern fröhliche und leichte Töne. Die fremden Menschen sahen ihn irritiert an, drehten sich dann grinsend weg und schnalzten mit den Zungen. Als dann zwei von ihnen in den Gesang von Tola Ta Erm einstiegen, fingen mehr und mehr an, den Rhythmus zu untermalen. Schon bald wehte das Lied über die nächtliche Heide, während die Funken des Lagerfeuers zu den Sternen tanzten.
Haruuk nutzte die Gelegenheit, um dem Alten den kurzen Speer wiederzugeben, den er zuvor aus dem Boden gezogen hatte. Der nahm die Waffe lachend an und gab sie dem jungen Mann, der gerade noch einige Schlucke aus Goranga Toe'el Gups Trinkschlauch genommen hatte. Der alte Mann schlug dem verwunderten Jüngling ins Genick, nahm dann den Trinkschlauch an sich. Die anderen lachten und der junge Mann rieb sich die geschundene Stelle, legte den Speer dann vorsichtig neben sich, wo bereits andere Speere und ein seltsamer, kurzer Stock mit einem gekrümmten Ende ruhten.
Die erste Frau hatte das Fleisch der Keule in Scheiben geschnitten und auf dicke Äste gespießt, hängt sie nun so über die Flammen und machte dann der Zweiten Platz, die einen kleinen Behälter hervorzog und einen festen Pfropfen aus Gras herauszog. Eine grüne Paste kam zum Vorschein und eifrig schmierte sie die Fleischscheiben damit ein.
Lange saßen sie da, während Tola Ta Erm weiter über den Frühling und die Mädchen und so einige andere Dinge sang und als die Frauen den gebratenen Hirsch endlich verteilten, schmeckte er nach frischen Kräutern und kühlem Quellwasser. Die Männer des fremden Stammes schlugen sich schmatzend auf die Hinterköpfe, kauten ansonsten stumm die dampfende Köstlichkeit.
Als alle satt waren, begann die Fremden zu singen, mit lautem Zungenklicken und hohen Rufen. Einer hielt sich einen kleinen, fein bearbeiteten Zweig an den Mund und pfiff darauf die unterschiedlichsten Töne, die mit dem Gesang verschmolzen.
Entspannt kramte Goranga Toe'el Gup einen Streifen Trockenfleisch aus seiner Tasche hervor, legte zwei gedörrte Pilze auf den Fetzen und rollte das Ganze zusammen. Als er es sich in den Mund steckte und langsam und mit Bedacht darauf herumkaute, sahen ihn die anderen Menschen zuerst erstaunt und dann lachend an, doch nur noch wenig bekam er davon mit. Er kippte leicht nach hinten, blieb so im Sitzen mit nach hinten gestrecktem Kopf und offenem Mund hängen. Anscheinend kannte auch dieser Stamm die Gifte dieser Welt und wie die Schamanen sie einsetzten.
Schließlich wandten sich die Männer neben Haruuk an die zwei noch wachen Jäger und sprachen einige Worte, deuteten auf ihre Nasen und wiederholten bestimmte Sätze immer und immer wieder. Haruuk versuchte, das Gesagte nachzuahmen und versuchte dann zu verstehen, was sie wollten.
"Nase," erklärte er. "Das ist eine Nase."
"N'dek."
"Nase."
Namen wurden ausgetauscht und über die Aussprache gelacht und auf Schultern geklopft und weiter der Schlauch herumgereicht. Einer der Fremden war mittlerweile so betrunken, dass er den lachenden Haruuk fest in den Arm nahm und an sich drückte, alle anderen grölten amüsiert.
Als sich dann die ersten erschöpft und satt zum Schlaf hinlegten, beugte sich der alte Anführer der Fremden nach vorne, nahm einen der seltsamen Speere in die Hand und ritzte einige Rillen ins trockene Erdreich vor seinen Beinen. Haruuk und Tola Ta Erm erkannten nach wenigen Augenblicken eine Darstellung der weiten Umgebung in den Linien: die Küste und den Großen Fluss, ihre ungefähre Position. Mit dem Speer, einigen Worten und Handbewegungen zeigte der Alte, dass sein Stamm zum Meer wollte.
Mit seinem Finger zeichnete Haruuk nun Wälder und kleinere Flüsse ein und Tola Ta Erm deutete auf eine Stelle, an der es viele Bären gab. Mit Gesten und gefletschten Zähnen zeigte er dem Alten das Tier, vor dem sie sich dort in Acht nehmen sollten, doch alle sahen ihn nur unverständlich an und erst Haruuks in den Boden gezeichneter Bär ließ die Fremden wissend nicken.
Einer holte nun eine große Bärenkralle hervor und er hob sie hoch und deutete auf einen anderen Mann in der Gruppe, der aber schüttelte nur den Kopf. Der Alte sagte etwas in ihrer Sprache, aber immer noch weigerte sich der Andere und so stand der Alte auf und drückte den Mann nach unten und unter dem Lachen der anderen zog er ihm die Beinbekleidung nach unten und deutete auf tiefe Narben auf seinem Hinterteil. Mit der Bärenkralle, die der Alte nun in der Hand hielt, machte er reißende Bewegungen und lauter lachten alle.
Nur das Opfer des früheren Bärenangriffes wollte nicht in das Gelächter mit einstimmen und erst als er sich wieder seine Beinbekleidung nach oben zog und ihm Tola Ta Erm freundschaftlich auf die Schulter schlug und auf seine eigene Narbe zeigte, die quer über sein Gesicht ging, hellte sich die Miene des Fremden auf.
Goranga Toe'el Gup hörte das Meckern von Mufflons. Alles war langsam und wie wenn er unter Wasser schweben würde. Er blinzelte mit der Geschwindigkeit der Jahreszeiten und sah zu Haruuk. Erstaunlich... der Jäger hatte den Kopf eines Hirschen und alle sprachen seltsam, wie aus einem Mund und vielen Mündern zugleich. Goranga Toe'el Gup verstand sie. Verstand die Fremden und doch war immer, wenn Haruuk seinen Mund öffnete, nur ein fernes Röhren zu hören. Der Jäger wackelte mit seinen Ohren und sah Goranga Toe'el Gup mit großen, schwarzen Augen an. Was wollten ihm die Geister sagen? Er richtete sich auf, versuchte nach einem Gedanken zu greifen, der gerade aus seinem Kopf floh und starrte dann ins regungslos eingefrorene Feuer.
Haruuk saß immer noch neben dem Alten und nun deutete er neugierig auf die Speere, die so ungewöhnlich gefertigt waren. Der alte Mann nahm einen zwischen die Finger und reichte ihm dem dankbaren Jäger, der in der Hand Gewicht und Lage einschätzte, dann testweise einen Wurf andeutete. Der Alte lachte laut, stand auf und nahm den kurzen Stock, der neben den Speeren lag. Er legte einen der Speere auf den Stock, hielt beide in den Fingern und schleuderte dann mit einer schnellen Schulterbewegung und mit Hilfe des kleinen Stockes den Speer in die Dunkelheit. Es war eine Schleuder. Eine Schleuder für die Speere, erkannte Haruuk.
Die jüngere Frau fing an zu schimpfen und der Jäger sah sie kurz erstaunt an. Dann griff er nach einem weiteren Stück Fleisch, das sie bei sich getragen hatten und hielt es dem alten Mann hin, deutete gleichzeitig auf die Speere und die Schleuder. Der Alte holte nun ein scharfes Obsidianmesser hervor und deutete damit Schnitzbewegungen an. Als Haruuk nicht gleich verstand, nahm sein Gegenüber einen der Speere in die Hand und zeigte damit auf die Frau, die ihn mit gerunzelter Stirn ansah. Leise aber mit deutlichem Missfallen in der Stimme sprach sie einige für Haruuk unverständliche Worte, doch der Alte grinste sie nur an und schüttelte seinen Kopf.
Goranga Toe'el Gup kicherte. Auf der Handfläche des Alten stand ein kleiner Mann und wurde von dem fremden Menschen mit einem Finger über den Kopf gestreichelt. Der Anblick war großartig. Witzig und faszinierend zugleich. Wo hatte der kleine Mann die Reise über ausgeharrt? Wollte er auch von den Pilzen naschen, die Goranga Toe'el Gups Geist vernebelten? Was wollten die Geister dem Schamanenschüler überhaupt mit all dem sagen?
Zufrieden ließ er sich zurück fallen und seufzte Farben aus, die sich mit der Nacht paarten und zu Sternen wurden, die in der Dunkelheit zu tanzen begannen.
Tola Ta Erm sah von Goranga Toe'el Gup zu Haruuk, schmatzte laut und trank den beinahe geleerten Schlauch trocken. Glücklich mit sich und der Welt beobachtete er, wie der Alte Haruuk nun ein ganzes Bündel der seltsamen Speere hinstreckte, sie schüttelte und dann auf die junge Frau deutete, die immer noch vor sich hin schimpfte. Der Alte nickte eindringlich.
Haruuk überlegte kurz. Dann nahm er das Bündel und reichte der Frau das Fleisch. Die verdrehte seufzend die Augen und begann dann damit, die Stück Hirsch in ein Fell einzuschlagen, das neben ihr lag. Der Alte klopfte Haruuk auf die Schulter und laut lachte Tola Ta Erm auf und begann erneut zu singen. Die Männer, die noch wach waren, stimmten in sein Lied ein und nur Goranga Toe'el Gup blieb schweigend liegen.
Er beobachtete die Herde Sternenhirsche, die durch die Dunkelheit zog, über helle Lichter sprang und ineinander floss. Die Hirsche sangen vom Wald und dem Wind und den Bergen und dem Fluss und seufzend schloss Goranga Toe'el Gup seine Augen.
Als er sie wieder öffnete, war es morgen geworden und sein Mund schmeckte nach Erbrochenem. Seine Augäpfel, seine Zunge und sein ganzer Kopf schmerzten. Er stützte sich auf seine Ellbogen und sah sich angestrengt um. Die Feuerstelle war abgebaut, die Glut nur noch schwach am glimmen. Von den anderen Menschen war keine Spur zu sehen und nur seine beiden Gefährten standen am Rand des hohen Grases und blickten in die Ferne. Ihren Köpfen schien es gut zu gehen.
Er erhob sich schwerfällig und und wankte hinüber zum Geweih, das immer noch auf dem Boden ruhte. Daneben das Fleisch, das sie nicht dem anderen Stamm geschenkt hatten. In Haruuks Griff erkannte er die Speere, die der Jäger im Handel mit dem Alten erstanden hatte. Dann fiel sein Blick auf die junge Frau, die am Rand des ehemaligen Lagers auf einer Grasmatte saß. Sie sah unglücklich auf ihre nackten Füße und wackelte mit ihren Zehen.
Er starrte sie ungläubig an, stellte sich dann neben Tola Ta Erm und Haruuk, die immer noch mit ihren Augen die Heide absuchten. Auch er sah keine anderen Menschen dort draußen und aufgeregt begann er, von seiner Vision zu erzählen. Vom kleinen Mann auf der Hand des Alten. Von der Bedeutung dieses Geistertraums.
"Und was bedeutet es genau?" wollte Haruuk abwesend wissen.
"Das muss ich den Schamanen zuhause fragen."
Die beiden Jäger senkten ihre Köpfe und wandten sich ihrem Besitz zu. Den anderen Stamm würden sie so schnell nicht wieder begegnen, das war ihnen bewusst. Während sie alles auf ihre Schultern packten, hob sich Goranga Toe'el Gups Stimmung weiter. Er wirkte aufgeregt.
"Und Haruuk... Du hattest den Kopf eines Hirsches. Und Du... nein... Tola Ta Erm... röhrte wie ein Hirsch."
Tola Ta Erm sah ihn kurz amüsiert an und flüsterte, seinen Kopf in Unglauben schüttelnd: "Schamanen..."
"Ich glaube," fuhr Goranga Toe'el Gup fort: "dass bald eine Herde am Blauen Wald vorbeiziehen wird. Dass wir uns keine Sorgen um Fleisch machen müssen."
"Sehr schön," seufzte Haruuk. "Dann hat sich der Tausch ja gelohnt."
Er blickte zur Frau, die mittlerweile aufgestanden war. Sie murmelte etwas in ihrer Sprache, löschte die Glut mit Erde und rollte die Grasmatte zusammen. Dann begann sie, eine lederne Tasche zu packen.

Haruuk ging auf sie zu. "Guten Morgen."
"A tu wa i."
"Ja, deine Leute sind abgehauen."
Die Frau deutete über die Heide.
"Ja, weg." Er schüttelte seinen Kopf. "Ohne Dich."
"Ti le ila."
Haruuk sah sie gequält an. "Gehörst Du jetzt uns?"
Die Frau verdrehte die Augen, rollte die Grasmatte wieder aus und setzte sich darauf. Tola Ta Erm kam zu ihnen.
"Wollen wir einfach zum Stamm ziehen? Und wenn sie uns folgt..." Er ließ den Satz unvollendet. "Wenn sie ein Geschenk ist, muss sie uns ja folgen."
"Dann werden wir's schon merken."
Tola Ta Erm nickte. "Wäre mein Vorschlag."
Auch Goranga Toe'el Gup stand nun vor ihr und sah sie an. Sein Blick wanderte zu Haruuk.
"Hast Du die gekauft?"
"Ich glaube nicht..." Haruuk legte seine Stirn in Falten. "Ich habe... so eine Speerschleuder gekauft..." Er hob die Waffen und zeigte sie dem Schamanenschüler.
"Davon haben die Geister mir nichts gesagt." Goranga Toe'el Gup überlegte kurz. "Der kleine Mann auf der Hand hat davon nichts gesagt."
Tola Ta Erm atmete tief ein, nahm seine Sachen hoch und sah die anderen erwartungsvoll an. Haruuk schüttelte noch einmal seinen Kopf und überprüfte die Feuerstelle nach letzten Glutresten. Goranga Toe'el Gup trat vor die Frau und streichelte ihr über den Kopf, so wie der Alte in der Nacht den kleinen Mann gestreichelt hatte. Was hatte das alles zu bedeuten?
Neugierig beobachtete Haruuk, wie sie reagieren würde. Sie saß mit dem Kinn zwischen den angezogenen Beinen und kurz hob sie ihren Blick, sah Goranga Toe'el Gup seltsam an und presste dann Luft zwischen ihren Lippen hervor.
"Ob die bei denen als hübsch galt?" überlegte Haruuk laut. "Die sahen ja alle ein wenig..."
"Komisch aus," beendete Tola Ta Erm den Satz. "Ich weiß. Viel zu hohe Stirn."
"Und hinten gar nichts."
"Und die Nase von denen."
Nun wollte auch Goranga Toe'el Gup in das Gespräch einsteigen. "Habt Ihr deren Augenbrauen gesehen?"
"Ja," gab Haruuk zu. "Nichts da. Und das Kinn! So viel Kinn und die dunkle Haut und diese hellen Augen." Er sah die Frau unglücklich an. "Ist sie blind? Nein, sie hat uns ja angeschaut. Die ist nicht blind."
Wieder war die Frau dabei, ihre Grasmatte zusammen zu rollen und an ihre Tasche zu schnüren. Erwartungsvoll stellte sie sie sich vor die Männer. Die sahen sich amüsiert an und zogen dann langsam los, um zurück in ihren Heimatwald zu gelangen. Die Frau ging ihnen hinterher und schloss letztendlich zu Haruuk auf.
Immer wieder berührte sie die Speere und Schleuder in seiner Hand und schließlich streckte er ihr die Waffen hin. Sie nahm sie wortlos, schulterte die Schleuder und trug die Speere in ihrer Hand, ging weiter neben ihm her. Sie wirkte so, als würde sie sich mit diesen Dingen wirklich auskennen, das musste Haruuk zugeben.

Aufmerksam blickten sich die Jäger auf dem Weg um. Sie hatten eine große Menge ihrer Beute an den fremden Stamm gegeben und da sie nun einen Mund mehr zu füttern hatten, war Fleisch umso wichtiger. Als sie an einem dichten Schilffeld am Rand eines kleinen Moorsees vorbei marschierten, zuckten sie plötzlich zusammen, als ein helles Zischen über ihre Köpfe flog. Die Frau eilte dem Geräusch hinter, verschwand im Dickicht und kam nur wenige Augenblicke später mit einer toten Gans wieder zum Vorschein. Im Hals des Vogels steckte einer der kurzen Speere.
Ein normaler Schaft hätte den Hals gänzlich zerfetzt, die schmälere Waffe aber war treffsicher und dünn genug, um noch aus der Beute zu ragen, während die Frau sie zu den Jägern brachte.
"Guter Wurf," brummte Tola Ta Erm ihr erstaunt zu, als sie den Speer aus dem Hals zog und die Gans Goranga Toe'el Gup überreichte.
Der legte das Geweih auf den Boden, bedankte sich mit einer weit ausholenden Geste und band die Beute dann an seinen Stab. Sie setzten ihre Reise fort und nun war es Haruuks Rolle, immer wieder auf die Speere der Frau zu deuten. Als er ihre Aufmerksamkeit hatte, imitierte er Wurfbewegungen, hatte sich aber schon mit dem Gedanken abgefunden, dass er den Preis seines Handels so schnell nicht wieder bekommen würde.
Als sie endlich Rast machten, während die Sonne am höchsten stand, nahm die Frau Haruuk zur Seite und zeigte ihm, wie man die Speere auf die Schleuder auflegte und wie man sie vor dem Wurf mit den Fingern stützte. Langsam bekam Haruuk ein Gefühl für die neue Waffen und während er Speer um Speer in die unmittelbare Nähe eines alten Baumstumpfs warf, huschte sogar ein ungewohntes Lächeln über das Gesicht seiner Lehrerin.
Der Schamanenschüler setzte sich zu ihnen.
"Goranga Toe'el Gup. Goranga. Goranga."
Haruuk hielt in seinem angesetzten Wurf inne, drehte sich dann zur verwunderten Frau, die ihren Kopf schief gelegt hatte.
"Haruuk. Haruuk."
Erkenntnis blitzte in den größer werdenden Augen auf und sie deutete auf ihre schmale Nase.
"Arra."
"Arra," wiederholte Harruk langsam und nickte.
Tola Ta Erm schmunzelte. "Das heißt vermutlich 'Nase'."
Er sah zwischen Goranga Toe'el Gup und Haruuk hin und her und hoffte, dass sie die Bemerkung lustig fanden. Er war noch neu im Stamm und benötigte den Anschluss, versuchte ständig, Freundschaften zu festigen und Vertrauen aufzubauen. Als die beiden Männer lachten, entspannte er sich und fiel ins Gelächter mit ein. Kurz sah ihnen Arra verständnislos zu, dann begann auch sie vorsichtig und mit heller Stimme zu glucksen.
Sie nahmen ihre Sachen und marschierten in Richtung des Blauen Waldes davon...

...so, und jetzt sind wir natürlich auch auf Euer Feedback, Ideen und Co gespannt :D
Zuletzt geändert von Minza am Sa 14. Mär 2020, 10:16, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

Mein Begleitbuch zur Kampagne nimmt langsam Form an und ich kann die ersten paar Seiten endlich posten. Im Gegensatz zu meinen früheren Büchlein zeige ich hier nicht einfach kleine Aspekte aus der Fiktion, die dann einen Einblick in die Welt geben, sondern beschränke mich wirklich auf die Dinge, die wir in den Abenteuern ausgespielt haben. Insofern werden die ersten Einträge immer noch auf das Kapitel "Ein kleiner Mann auf der Hand" verweisen, später kommt dann sowohl die Chronik als auch (hoffentlich) die Skizzen zu "Fang des Tages".

Enjoy! Und nicht vergessen: wir freuen uns wirklich über Feedback...

Titelblatt des Büchleins
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die Karte der Britischen Inseln, Doggerland und Nordfrankreich
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zwei Spielercharaktere
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

ein weiterer Spielercharakter
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der Austragungsort des ersten Abenteuers
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

In unserem ersten Abenteuer jagten die Charaktere einen alten Megaloceros und konnten ihn zur Strecke bringen, mussten ihre Beute dann aber letztendlich mit einem Rudel Wölfe teilen. Diese Seite soll diesen Aspekt der Geschichte abdecken...
unsere Beute und Rivalen
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

Und hier auch gleich noch unser zweites Abenteuer "Fang des Tages", welches von CNQ gemeistert und von mir niedergeschrieben wurde... langsam bildet sich da echt eine schöne Welt heraus und wir haben sogar zwei neue Spieler mit ihren Charakteren dazu bekommen:

Lain (nicht im Forum angemeldet) als Scharat
Miche (nicht im Forum angemeldet) als Walepe

Spoiler:
Fang des Tages

DER REGEN PRASSELTE gegen Blatt, Stamm und Stein. Kälter war es in den letzten Tagen geworden, während die Wolken ihre nasse Fracht auf die aufgeweichte Erde entleerten und der Blaue Wald dunkler und feuchter wurde. Der Wind durchfuhr das kleine Tal, in dem der Stamm zu dieser Jahreszeit Schutz suchte, und die meisten Tiere versteckten sich in Nest, Bau und dem dichten Unterholz.
Der Fluss, der sich aus den Höhen in Richtung der Auen schlängelte, war angestiegen, hatte an Geschwindigkeit gewonnen. Wo um diese Jahreszeit Mücken Mensch und Tier plagten, war nun nur das Rauschen und Plätschern zu hören. Das Ufer war schlammig und näher an die Wurzeln der jungen Bäume gerückt.
Walepe grub im Kies und Schlick, verband die entstehende Mulde mit dem dahineilenden Wogen. Fische sollten ihren Weg in die Mulde finden. Und wenn sich das Wasser zurückzog, dort gefangen bleiben. Walepe war kein Jäger der Menschen des Blauen Waldes. Kein Jäger der Tiere des Waldes zumindest. Die Kreaturen des Flusses waren seine Beute und prüfend betrachtete er sein Werk am überschwappenden Ufer, blickte dann hoch zu den Wolken. Wenn sich das Wasser zurückzog. Falls sich das Wasser zurückzog...
Mit einem seltsamen Bauchgefühl lief er los, in Richtung des Lagers des Stammes. Den Hang hinauf und durchs Gehölz, auf dem schlammigen Boden ausrutschend und bei jedem noch so kleinen Ast der jungen, noch biegsamen Bäume nach Halt suchend. Immer schwerer wurde es, die Böschung und auch den Wald an sich zu meistern, immer träger die Schritte, an denen der schlammige Grund zog und saugte.
Doch Walepe kannte den Weg. Kannte ihn wie seine eigene Handfläche. Er war hier schon viele Sommer gewandert, hatte hier viele Fische vom Fluss bis zum Lager getragen. Erneut hielt er sich an einem jungen Haselnussstrauch fest, als ein Geräusch zu seiner Seite ihn herumfuhren ließ. Ein Knacken. Ein Rascheln regennassen Laubes.
Er starrte in das Gesicht von On'an, der sich aus dem Unterholz schälte. Noch keine fünfzehn Winter war der eher schlaksige Jäger alt, der Blick hell und aufgeweckt. Mit einem erleichterten Seufzen schob er sich aus dem Gestrüpp und trat nahe an Walepe heran, damit der Vorhang des Regens keines seiner Worte mit dem alles überschattenden Rauschen verschlucken konnte.
"Ich habe oben an der Anhöhe Rehe gejagt," raunte On'an dem Fischer zu, zeigte die Richtung, aus der er gekommen war. "Und an der Stelle, wo der Fluss schon immer den Engpass hatte, hat sich sehr viel Holz im Wasser angesammelt. Mehr als sonst."
"Biber," meinte Walepe lediglich.
"Ich habe keine Biber gesehen." On'ans Stimme überschlug sich vor Aufregung. "Es ist erstaunlich, wie wenig Wasser, das oben reinkommt, unten nicht mehr…" Er suchte nach Worten.
Walepe verzog besorgt sein Gesicht. "Wir saufen ab, weil sich ein Damm bildet."
"Ich habe mir schon gedacht, dass das gefährlich werden könnte! Sollen sich das die erfahrenen Jäger mal anschauen?"
Walepe schnaubte. "Beeilen wir uns zurück und holen Verstärkung."
Zu zweit eilten sie durch das Dickicht, hinunter zum Überhang, in dessen Nähe die Toe'el Gup während dieser Jahreszeit lebten und von wo aus sie in dem flachen Tal, welches sie umgab, auf Jagd gingen. Dieser Überhang diente ihnen nun Schutz vor dem Unwetter. Schutz vor dem langen Regen. Doch was passierte, wenn der Fluss weiter über die Ufer stieg und den Wald zwischen Schilf und Überhang verschlang? Wenn sich der Fluss in einen Strom verwandelte?
On'an stolperte, konnte sein Gleichgewicht aber halten und gewann an ungewollten Vorsprung, als der Schlamm Walepes Füße unter dem langsam erschöpften Körper wegzog und der Mann schwer zu Boden ging. Braunes Wasser umspülte ihn, trug Kieferzapfen und Zweige mit sich, die sich in seinem struppigen Bart verfingen. Er atmete gequält ein, versuchte nicht allzuviel vom Schlick in den Mund zu bekommen.
Es hatte keinen Sinn. "Lauf vor!" rief der On'an zu, der erstaunt stehen blieb und sich umdrehte.
Kurz starrte der junge Jäger dem Fischer in die Augen, dann grunzte er zustimmend und lief weiter, verschwand nach einigen Schritten hinter einem grau-bräunlichen Schleier aus Wasser und Baumstämmen. Walepe blieb alleine im aufgewühlten Erdreich liegen, drehte sich dann auf die Seite und erhob sich umständlich.
Er sah den Hang hinab, wo On'an verschwunden war. Hinauf in Richtung des Fluss. In Richtung des Engpasses, wo sich immer wieder große Äste verfangen hatten. Der Weg dorthin war ebenfalls rutschig. Ebenfalls kein einfacher. Aber nicht so unmöglich für ihn, wie Walepe gerade den Pfad zum Lager sah. Er machte ächzend Kehrt, steuerte halb rutschend und halb laufend auf den Fluss zu, kam aber weit unterhalb der Stelle aus dem Wald gebrochen.
Ja, hier war das Wasser ruhig. Schon beinahe gemütlich dahinplätschernd für ein solches Wetter. Walepe rannte los, weiter flussaufwärts. Stolpern. Rutschen. Taumeln. Sich wieder aufrappeln. Weiterstolpern. Vor ihm kam der Engpass in Sicht, wo das Ufer im Sommer so nah zusammenstand, dass sogar ein ungeübter Jäger einen Speer auf die andere Seite werfen konnte. Doch nicht einmal der große Findling, der dort sonst aus den Wogen ragte, war nun noch zu sehen. Stämme von durch die andauernden Regen ausgelösten Erdrutsche blockierten den Durchfluss, abgebrochene Äste und entwurzeltes Gestrüpp dichtete jede Lücke ab.
Gerne verbrachte Walepe hier seine Tage, sah den Reihern zu, wie sie vom Findling aus Fische im Wasser jagten. Ein schöner Ort, der Frieden ins Walepes Geist brachte. Eigentlich. Doch nicht jetzt. Nicht so.
"Keine Biber," murmelte Walepe, während er sich vorsichtig der Masse aus verkeilten Pfählen näherte.

***

SEIT EINIGEN TAGEN waren der Häuptling und fünf weitere Jäger auf der Suche nach großer Beute. Die im Lager gebliebenen Toe'el Gup hatten sich unter den breiten Überhang zurückgezogen, wo es noch einigermaßen trocken war. Wurzeln und Kletterpflanzen hingen vom Steinrand der kleinen Klippe, auf der der Blaue Wald seine Kinder gesät hatte, und kleine Wasserfälle ergossen sich von den baumelnden Gewächsen. Der Boden war kühl und aus glattem Stein, fiel nach einigen Schritten hinüber in den Wald, wo der Regen unaufhörlich rauschte und sich kein Tier mehr blicken ließ.
Tola Ta Erm stand an einer Seite des Überhangs. Nur wenige Tropfen hatten sich in seinem umgelegten Fell verfangen und trotz des Sommers bildeten sich Atemwolken vor Nase und Mund. Einige wenige unerschütterliche Fliegen suchten zwischen den langen Haaren seiner Kleidung Nahrung, versuchten sich zu paaren. Dikk stand neben Tola Ta Erm und ihr Griff um den schweren Speer war fest, ihr Blick auf das Unterholz gerichtet. Eine starke Jägerin der Toe'el Gup war sie und schon einigen Töchtern und Söhnen hatte sie das Leben geschenkt. Nicht alle hatten die ersten Winter überlebt.
Scharat stand an der anderen Seite des Lagers, nicht weit vom Rand entfernt, wo das Regenwasser von der Klippe hinabrann. Er beobachtete stoisch das Plätschern. Die kleinen Bächlein, die das Wasser auf seinem Weg hinab in den Wald bildete. Am Neumond war der Jäger geboren worden und Mondschatten hatte seine Mutter ihn genannt.
Hinter ihm, tiefer unter dem Überhang und im Zwielicht der steinernen Vertiefung, sangen Goranga Toe'el Gup und sein alter Lehrmeister leise alte Riten, beteten zu den Geistern, dass diese doch bald den Regen enden lassen sollten. Hatten mit Lehm und zerriebenen Pollen Bilder an den Felsen gemalt. Die Zeremonie dauerte schon seit dem Morgengrauen an. Bis jetzt hatten die Geister die Bitten nicht erhört.
Die beiden Stammesältesten sahen immer wieder prüfend zu den beiden Betenden, beschäftigten dann aber wieder die vier Kinder in der Nähe des prasselnden Lagerfeuers mit kleinen Arbeiten, brachten ihnen so Schnitzen, Nähen und Schälen bei. Ein fünftes, jüngeres Mädchen kletterte gerade auf dem Rücken von Arra herum. Nicht einmal drei Winter war das Kleine alt und seine Mutter war gerade damit beschäftigt, ein großes Holzgestell tiefer in den Überhang zu schieben, die Äste mit feucht gewordenen Fellen zu behängen.
Arra ließ sich von dem kleinen Mädchen nicht ablenken. Zwischen ihren nackten Füßen hielt sie den Schaft eines nicht vollendeten Speeres, mit einer scharfen Steinklinge schnitzte sie mit sicheren, weiten Bewegungen an der unfertigen Spitze. Neben ihr saß eine Frau der Toe'el Gup, welche die Konstuktionstechnik erlernen wollte.
Auch Scharat sah zu den beiden Frauen. Die eine für seinen Geschmack noch zu jung. Die andere zu dürr, die Haut zu dunkel und ihr Kopf zu verformt. Nase, Stirn, Kinn. Nichts stimmte hier. Sogar die Augen waren nicht die eines normalen Menschen.
"Schau, dass die Spitze richtig scharf ist," warf er Arra dennoch zu, scherzte auf seine Art und Weise.
Arra unterbrach ihre Arbeit, fixierte mit kühlem Blick den dicken, schweren Speer, auf den sich Scharat stützte. Er hatte eine geschlagene Steinspitze, die am Schaft verklebt und mit Bast festgebunden war. Sie erzwang sich ein Lächeln, welches jedoch einen Funken abwertenden Urteils mit sich trug.
Neben ihr hatte Nusa nichts von diesem Austausch mitbekommen. Die junge Frau hatte im Frühjahr ihre erste Jagd hinter sich gebracht, arbeitete nun selbst unter Arras Anleitung an ihrem ersten Wurfspeer. Immer wieder sah sie prüfend zu der neuen, seltsam erscheinenden Stammesschwester, verglich ihren Griff um den Schafft mit dem eigenen. Füße, Zehen und Holz waren perfekt kopiert, die Steinklinge im richtigen Winkel in ihrer Faust.
Vorsichtig packte Arra hinter sich, zog die Kleine höher auf ihre Schultern und korrigierte dann den Speer in Nusas Griff um eine halbe Drehung. Mit zwei Fingern klopfte sie auf Nusas Steinklinge, verschob schließlich auch diese in Nusas Hand.
"Oben. Da."
Eigentlich meinte sie 'unten', doch war sie in der Sprache der Toe'el Gup alles andere als sicher. Kannte noch lange nicht alle Worte. Nusa setzte die Klinge falsch an, zog den Stein feste am Holz entlang. Die Spitze gab nach, splitterte und knickte ab. Enttäuscht sah Nusa auf den zerbrochenen Speer zwischen ihren Füßen.
Aufmunternd klopfte ihr Arra gegen den Oberarm. "Nepa. Nepa." Sie überlegte kurz. "Zeit. Zeit."
Arras offenes Strahlen erweckte ein wenn auch trauriges Lächeln auf Nusas Gesicht. Dann fiel der Blick der Speermacherin zurück zu Scharat und seine Waffe. Vielleicht waren solch klobige Speere für diese Menschen doch nicht so verkehrt, überlegte Arra mit schief gelegtem Kopf.
Sie sahen auf, als On'an aus dem Wald gehetzt kam und schnaufend und nach vorne gekrümmt vor Tola Ta Erm und Dikk zum Stehen kam. Schnell und leise sprach er mit den beiden Jägern, deutete immer wieder hinter sich.
Arglos winkte Arra dem jungen Mann zu. "Dae, On'an! Dae!"
Doch On'an grüßte nicht zurück, sah nur dunkel und erschöpft drein, als er nass und schmutzig weiter sprach. Neugierig erhob sich Haruuk von seinem Platz am Feuer und ging mit langen Schritten zu den Dreien und auch Scharat verließ seinen Posten und kam zu ihnen.
"...gesehen, dass sich in der Enge beim Reiherfelsen das Wasser sammelt," keuchte On'an mit vor Aufregung rotem Gesicht. "Es wird immer mehr! Ich habe Walepe schon alles gesagt und er ist dort hingelaufen. Was sollen wir machen?"
"Walepe ist alleine beim Fluss?" Haruuk packte alarmiert On'ans Arm und drehte ihn so, dass er ihm in die Augen sehen konnte.
"Ja," bestätigte der Jüngling: "der kennt sich ja auch aus mit so etwas." Der freie Arm fuhr nach oben und er machte eine Bewegung, als würde er Fischgestank von der Nase davon wedeln. Seine Augen blitzten verschmitzt auf. Anscheinend hatte er sich vom ersten Schrecken erholt. Er blickte zwischen Dikk und Scharat hindurch in den Schatten des Überhangs. "Sollen wir den Schamanen fragen? Oder einen der Stammesältesten?"
"Die Schamanen sind beschäftigt," meinte Scharat kühl. "Die sollten wir jetzt nicht stören."
Haruuk machte eine zustimmende Handbewegung. "Die machen den Regen weg. Aber das dauert ein bisschen." Er sah hoffnungsvoll an der über ihm liegenden Felskante vorbei in den verschleierten Himmel. Dann blickte er zurück ins Lager. "Sollen wir die Ältesten fragen? Oder sollen wir einfach beschließen, dass wir nachschauen gehen?"
Scharat griff seinen Speer fester, schritt schon an ihnen vorbei in Richtung Dickicht. "Ich schaue nach."
Schnell griff Haruuk nach seiner Waffe, zog aber auch das lange Weidenkörbchen zu sich, welches er von Walepe für etwas Fleisch eingetauscht hatte. In ihm bewahrte er die Schleuder und Speere auf, die Arra ihm angefertigt hatte. Hierfür hatte er nichts handeln müssen. Zum Einen hatte er den Alten der fremden Menschen eh bereits ausreichend bezahlt gehabt, bevor Arra die effizienten Waffen wieder für sich beansprucht hatte... und zum Anderen teilten sich Arra und er mittlerweile eine Schlafstätte, auch wenn er die Frau aus der Ferne immer noch reichlich eigenartig fand.
Auch Arra richtete sich auf, nahm das kleine Mädchen von ihrem Rücken und übergab es Nusa, die sie fragend anblinzelte. Dann schnappte sich Arra ihre Speere, Schleuder und die lederne Tasche, lief leichtfüßig neben Haruuk her, der Scharat nacheilte.
"Haruuk geh wo?"
"Zum Reiherfelsen."
Arra legte ihre Stirn in Falten.
"Zum Wasser," versuchte es Haruuk erneut. "Weil wir vielleicht Walepe helfen müssen."
"Wa sa..."
"Willst Du wirklich mitkommen?" Er deutete zurück zum Lager. "Oder willst Du da bleiben?"
Arra deutete nur nach vorne, den Hang hinauf, eilte weiter mit den Jägern mit. Hinter ihnen sahen Dikk und On'an ihnen zu, wie sie ein mit dem Grau des Unwetters wurden.
Dikk schlug dem Jüngling auffordernd auf den Rücken. "Geh mit ihnen," ermunterte sie ihn. "Ich halte hier weiter Ausschau."
Kurz zögerte er, dann rannte er los. Durch den Wald, hin zum Fluss führte sie ihr Weg. Der Boden war vollgesogen vom Regen, es roch nach Pilzen und Moos. Scharat nutzte jeden noch so kleinen Stein, um mit gezielten Sätzen jede rutschige Stelle zu überspringen. Kurz holte Haruuk auf, dann gab ein vom Schlick unterspültes Moospolster zur Seite nach und mit einem Aufschrei der Überraschung stürzte der großgewachsene Mann, kam hart mit dem Knie auf einer dicken, aus dem Boden ragenden Wurzel auf. Grunzend und die Wurzel beschimpfend rappelte er sich auf.
Als Arra an ihm vorbei lief, berührte sie kurz mit der dunklen Handfläche das wellige Haar seines Kopfes. Eine Art tröstende Geste, wie Haruuk seit Arras Ankunft im Blauen Wald gelernt hatte. Dann sprang auch On'an an dem älteren Jäger vorbei und er setzte ihnen ebenfalls nach.
Im Laufschritt verließen sie einer nach dem anderen den Wald, liefen auf die bereits teilweise überschwemmte Heide, die sich zwischen den Bäumen und den schwappenden Wogen erstreckte. Vor ihnen sahen sie zwischen dem umgedrückten Schilf den schwer arbeitenden Fischer, der sich auf einem aufgetürmten Damm aus allen möglichen in sich verdrehten Hölzern an einem gebogenen, menschengroßen Ast zu schaffen machte. Er versuchte ihn als Hebel zu nutzen, doch keiner der den Damm stabilisierenden Stämme bewegte sich auch nur annähernd.
Arra riss ihre Hand hoch über ihren Kopf, winkte dem kämpfenden Mann aufgeregt zu. "Walepe! Ti pao, Walepe!"
Der Fischer sah hoch, winkte zurück. Alle sollten zu ihm kommen, gestikulierte er. Auf die glitschigen, durch das Wasser und die ständige Reibung glatt gewordenen Holzstücke, die unter ihnen ächzten und quietschten.
Lange sahen sich nun alle die Katastrophe an: immer mehr und mehr Treibgut wurde unter den vom Regen ausgelösten Fluten angeschwemmt, lagerten hintereinander, verhakten sich ineinander. An der Barrikade vorbei konnte einiges Wasser schwappen, das Meiste aber floss weiter auf den nicht mehr saugfähigen Boden, hatte bereits die Baumgrenze des Waldes erreicht, trug schlammige Wellen in Richtung des Überhangs. Würde der Regen nicht aufhören und der Fluss weiter steigen, könnten sie das Lager vermutlich nicht retten und mussten in diesem Unwetter einen neuen Unterschlupf finden. Und mit so vielen Jägern unter dem Häuptling auf Streifzug würde sich das als riskantes Unterfangen erweisen.
"Da nan ba!" rief Arra in den prasselnden Wind hinein, deutete auf den Damm.
Keiner der Männer verstand ihre Worte. Mit ruhigem Blick fixierte Scharat einen der Äste, der sich in einem sich langsam bildenden Strudel vor der Barriere verfangen hatte. War das Holz dick und belastbar genug, um ebenfalls als Hebel verwendet zu werden? Walepes Idee, den Damm aufzubrechen, schien letztendlich eine gute zu sein...
Mittlerweile balancierte Haruuk auf einem der Stämme, die sich anscheinend schon recht früh am Reiherfelsen verkeilt hatten. Auch er hielt nach Schwachstellen Ausschau, wirkte aber durch die schiere Masse an in sich verknoteten Einzelteilen vollends überwältigt. Keiner der Äste sah so aus, als würde er die restlichen Stücke mit sich ziehen, würde der Jäger ihn lösen können.
Die dunkelhäutige Frau betrat nun ebenfalls den Damm, berührte kurz beim Vorbeihangeln den Unterarm von Walepe. "Ne jira aminia tu arri, Walepe? Tu hin majena ite e. Ame e kui ti i etu ma? Ku pan." Sie lachte hell und laut, wie das Morgenlied eines Singvogels.
Walepe sah sie nur regungslos an, dann zog er einen aufgeklappten Trockenfisch aus seiner Tasche und schob ihn der verwunderten Frau in den Mund. Arra biss verwirrt ab, begann dann zu kauen und schob den Rest des Fisches in ins trockene Innere ihrer eigenen Tasche.
Haruuk grinste Walepe breit an. "Das hat sie manchmal," entschuldigte er sich beim Fischer. So weit wie er Arra mittlerweile kennen gelernt hatte, konnte er sich schon einigermaßen zusammenreimen, was sie eben verlauten hat lassen. Warum hast Du das ganze Holz da hingelegt? etwa und Siehst Du nicht, dass das idiotisch ist? Weißt Du nicht, dass sich das ganze Wasser staut? Denk nach. Ja, das würde zu Arra passen!
On'an und Walepe hangelten sich nun Schritt für Schritt zu Haruuk hin, der deutete auf einen verzweigten Auswuchs eine Armlänge unter ihm. "Wenn wir diesen Ast hier herausziehen, kann sich der Haufen vielleicht lösen."
Scharat ließ das halb aus dem Wasser gezogene Holz in seinen Händen los, stellte sich zu den anderen. Nein, auch hier war vermutlich nichts zu machen. Er verzog unzufrieden das Gesicht. Schließlich deutete Walepe auf eine andere Stelle des Dammes. Vielleicht konnten sie hier...?
Auch jetzt war Scharat nicht zufrieden. Der angepeilte Ast war zu weit vom Ufer entfernt, sah genauso festgekeilt wie die anderen aus. Zwar war auf dieser Seite das Wasser immer noch recht niedrig und er selbst würde vermutlich bis zur Hüfte darin stehen, doch sollte der Damm brechen, würden die Fluten über den Jäger hereinbrechen, gefährliches Geäst mit sich ziehen.
Aber von der anderen Seite war ebenfalls keine Möglichkeit zu erkennen, zudem die Wogen hier schon die Schulter Haruuks erreichen würden. Und Haruuk war ein Hüne unter den Toe'el Gup. Scharat atmete lange und ohne einen Gesichtsmuskel zu verziehen aus.
Dann legte Haruuk seinen Kopf schief. "Ich probiere es..."
Vorsichtig ließ er sich ins Wasser rutschen, watete bis zur angedeuteten Stelle und winkte dann die anderen Männer heran. Walepe und Scharat näherten sich ihm, während On'an und Arra einige Schritte Abstand nahmen. Fest packte Walepe Haruuks Schulter und Arm, hinter Walepe suchte Scharat Halt und packte den Fischer, sicherte ihn mit seinem ganzen Körpergewicht.
Der Regen hämmerte gegen das knarzende Holz und bis über seine Hosen stand Haruuk im trüben Nass, grub seine Hände tief zwischen die Äste. Als er sie herauszog, hellte sich seine Gesicht voller Freude auf und er hob einige Flusskrebse hoch, die seinem Griff nicht entkommen waren. Er schob sie unter seinen Überwurf, schaufelte einige weitere Male die langsamen Tierchen hervor, ließ sie unter dem Fell verschwinden.
Als er genug hatte, packte er den Ast und zog so fest er konnte. Ein Teil des Dammes löste sich, während Sharat und Walepe Haruuk schon zurück rissen. Langsam, Stück für Stück wurde die Barrikade abgetragen, vom tobenden Wasser davon gespült. Das Rauschen war allgegenwärtig, das Brüllen der aufeinanderstoßenden Stämme ohrenbetäubend. Zuerst gab es eine Wasserfontäne. Dann noch eine, als sich weitere Löcher bildeten. Und mit einem Schlag konnte sich all das angestaute Wasser in eine Richtung entladen, bildete einen gewaltigen Sog um die Beine der weiter in Sicherheit eilender Menschen.
Erleichtert beobachteten sie das Spektakel, als ihnen schließlich ein um sich schlagender, immer wieder unter den Wellen verschwindender Körper ins Auge stach: On'an hatte leichtsinnig seinen Weg in den Fluss gefunden, wurde nun von der Flut mitgetragen! Sofort setzten sich alle in Bewegung.
Haruuk war ihm am nächsten, nach seiner Arbeit immer noch bis zum Bauchnabel im Wasser stehend und mit Entsetzen dem Jüngling hinterher blickend, der verzweifelt nach Treibgut zu greifen versuchte. Schnell ließ sich der Jäger vollends in den Fluss rutschen, nutzte die Strömung, um sich näher an On'an spülen zu lassen. Doch der war schnell, wurde immer wieder zwischen Stämmen beinahe eingequetscht, schluckte zwischen seinen kurzen Hilferufen Unmengen an schlammigen Wasser.
Arra hatte begonnen, das überschwemmte Ufer entlang flussabwärts zu laufen. Scharat und Walepe waren hinter ihr, versuchten ebenfalls die beiden Männer im Fluss zu Fuß einzuholen. Doch der Strom war zu schnell. Haruuk gewann mehr und mehr an Geschwindigkeit, verschwand hinter ein paar umschwemmten Haselnusssträuchern.
Arra deutete beim Laufen zur Linken, weg vom gerade verfolgten Flusslauf. "Biegung!"
Sie wusste, dass der Wasserlauf weiter vorne ein Knick machte, zurück in ihre Richtung schlängelte. In den Augen der beiden Männer flackerte Erkenntnis auf. Sofort rannte Walepe einen Bogen, sprang über einen morastigen Teich und verschwand in den raschelnden Binsen, während Arra und Scharat nun auch das Ufer verließen. Alles ließ Arra fallen, was sie in den Händen trug und auch ihre Tasche streifte sie sich vom Körper, setzte sich mit ihren langen Beinen zusammen mit Scharat an die Spitze des Rettungstrupps.
"Scharat!" rief sie. "Scharat" Haruuk! Haruuk!"
Schnell lief der drahtige Jäger, brach aus dem Binsendickicht und sah sich verschwitzt um. An der Biegung des Flusses hatte Haruuk anscheinend bereits geschafft, einen schweren Ast so zu drehen, dass er sich an einigen größeren Steinen und Wurzeln verfangen hatte. Sich in das Holz krallend versuchte er nun, seinen Körper an Land zu ziehen. On'an hatte er nicht erreicht. Und der Strom war zu Wild, um ein weiteres Wagnis einzugehen.
Von On'an fehlte jede Spur. Aus den Binsen drangen weiterhin die Rufe von Arra.
"Scharat! Du Haruuk!"
"Ja!" rief Scharat zurück, schon langsam entnervt.
Auch Arra verließ nun die Binsen, sah sich im knöchelhohen Wasser stehend um. Sie fuhr zusammen, zeigte auf einen strampelnden Körper, der auf ihrer Höhe im um Auftrieb kämpfte. On'an! Der Jüngling versuchte zu schreien, hustete kurz, als er wieder Flüssigkeit schlucken musste, ging kurz unter.
Ohne auch nur einen Herzschlag zu warten, sprang Arra in die Wogen und auch Scharat ließ sich ins Wasser gleiten. Haruuk konnte auf sich selber aufpassen, davon war Scharat überzeugt. On'an war eine andere Geschichte...
Kurz war Arra unter Wasser im Strudel des Flusses verloren. Sie hatte Dreck in den Augen, ihre Kleidung zog sie nach unten. Dann spürte sie Scharats Hand an ihrem Rücken und der Jäger drückte sie nach oben. Nur eine kurze Armlänge von On'an entfernt durchbrach sie die Oberfläche und zusammen mit Scharat griff sie nach dem um sich schlagenden Ertrinkenden.
Gemeinsam schleppten sie On'an ans Ufer, fielen dort in den kühlen, dunklen Schlick. Dort blieben sie liegen, bis sich Arra verschmiert auf den Rücken rollte. Schrill begann sie zu lachen, warf damit ihre Angst und den Stress ab, die sie in den letzten Augenblicken durchgemacht hatte. On'an hustete Wasser hoch, aber es ging ihm halbwegs gut. Ein paar Tage neben dem Feuer und er sollte wieder der Alte sein.
Als sich Scharat schon zurück auf die Beine hievte, kam Walepe nun endlich aus den Binsen gehetzt. Erleichtert sah er zum immer noch lachenden Speermacherin und den beiden Männern. Dann sah er sich fragend um, suchte mit seinem Blick Haruuk. Arra bemerkte dies und blitzschnell setzte sie sich auf, blickte den Fluss hinauf. Wo war Haruuk? Scharat hatte nicht...
Haruuk kam das Ufer entlang gelaufen. Er wirkte erschöpft und war mit genauso viel Dreck überzogen wie die meisten anderen. Grüßend hob er seine breite Hand und wieder ließ sich Arra in die schlammige Umarmung des Ufers sinken. Glücklich starrte sie in die Wolken hoch über ihnen.
Zusammen zogen sie nur wenig später erneut durch die Binsen, den Weg zurück, den sie gekommen waren. Um ihre fallen gelassenen und in der Eile verlorenen Sachen einzusammeln. Um am Reiherfelsen noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Und um schließlich von dort aus ihren Pfad zurück zum Lager zu suchen...
Immer noch wurde die Welt von einem Vorhang aus Regen verdeckt, als sie zu fünft beim Überhang ankamen. Hämisch lachten Tola Ta Erm und Dikk auf, als die beiden Wachen die Gebeutelten sahen und schnell wurden sie am Rand des Feuers willkommen geheißen. Zufrieden sahen sie alle aus, wenn auch immer noch voller Zweiglein und Gräsern und mit leichten Schürfwunden, wo die Stämme sie gestreift und Felskanten ihnen ins Fleisch gedrückt hatten.
Die restlichen Toe'el Gup waren dennoch zuversichtlich: die Fünf hatten es geschafft, die Gefahr abzuwenden. Hatten geschafft, den Fluss wieder in sein Bett zu zwingen. Stolz wurde ihnen auf die Schultern geschlagen und sie umarmt und laut und so ungewöhnlich zwitschernd lachend erzählte Arra allen mit unbeholfen Worten, was sich zugetragen hatte.
Haruuk legte die Speere, die er bis zum Lager in der Hand getragen hatte, auf den trockenen Boden neben seiner Schlafstätte, leerte dann den Korb aus, der eigentlich die Waffen fasste. Einige Fische aus Walepes überschwemmter Mulde kamen zum Vorschein und eine Vielzahl von Flusskrebsen. Laut lachten die Toe'el Gup auf, waren die gepanzerten Tiere doch der Fang des Tages und schnell wurde ein flacher Stein halb über dem Feuer aufgebockt und ein großes Stück gewölbte Rinde darauf gelegt. Frisches Regenwasser und die immer noch teilweise zappelnden und krabbelnden Tiere wurden hinein gekippt und sogar Arra warf ihren halben Fisch dazu, den sie von Walepe bekommen hatte.
Immer noch sangen die Schamanen, wiegten sich in ihrem eigenen Rhythmus und beteten zu den Geistern des Blauen Waldes, als sich der Großteil des Stammes um das prasselnde Feuer versammelte und der Duft von kochendem Fisch und Krebsen durch das Lager zog.

Somit sieht unser Stamm mittlerweile so aus:

Der Stamm des Blauen Waldes (24 Menschen)

[ohne Namen] – Häuptling und Bruder von Goranga
[ohne Namen] – Stammesälterer
[ohne Namen] – Stammesälterer
[ohne Namen] – alter Schamane
Goranga Toe'el Gup – Schamanenschüler und Prinz
Haruuk – Jäger
Tola Ta Erm (Sohne des Großen Flusses) – Jäger
Scharat (Mondschatten) – Jäger
Walepe – Fischer
On'an – junger Jäger
Nusa – junge Frau
Dikk – Jägerin
[ohne Namen] –
[ohne Namen] –
[ohne Namen] –
[ohne Namen] –
[ohne Namen] –
[ohne Namen] –
[ohne Namen] – Kind
[ohne Namen] – Kind
[ohne Namen] – Kind
[ohne Namen] – Kind
[ohne Namen] – kleines Mädchen
Arra – Speermacherin
Zuletzt geändert von Minza am Sa 25. Apr 2020, 12:56, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

Und hier die letzten Bilder zum ersten Abenteuer:
Ausrüstung der Neanderthaler
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einer der Cro-Magnon Stämme, die bis Doggerland wanderten
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

mein Charakter, den ich übernehme, wenn jemand anderes meistert...
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die Speerschleuder der Cro-Magnon ist weitaus effektiver als die Speere der Neanderthaler
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

CNQ hat geschrieben:
Do 2. Apr 2020, 07:57
In der Zwischenzeit erfreue ich mich einfach an Minzas Skizzen :)
Dann hab ich da sogar was für dich...

die Karte von der Umgebung des Lagers und dem Damm, der beinahe den Wald überflutete
die Karte von der Umgebung des Lagers und dem Damm, der beinahe den Wald überflutete
ein weiterer PC und ein junger NPC
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noch ein PC und eine NPC
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

zwei NPCs unserer Kampagne
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ein paar Details aus dem Abenteuer
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Somit wäre das zweite Abenteuer mit Zeichnungen abgedeckt... mal schauen, wann Stoff dazu kommt :)
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Re: [Setting] Die Menschen vom Blauen Wald

Beitrag von Minza »

CNQ hat geschrieben:
Do 23. Apr 2020, 07:18
Wirklich ein sehr schönes Projekt.
Macht auch ordentlich viel Spaß, da langsam wieder so ein Was-ist-was?-Buch hochzuziehen ^^
Mir ist nun auch aufgefallen, dass die Hintergründe zu den Charakterportät immer wieder unterschiedlich gemustert sind. Tolles Detail :)
Danke :D Ich hab nur Angst, dass mir inmitten des Stamms (oder anderer Stämme?) die Ideen ausgehen :|
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