Shadows Over Sol

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Fred
Titan
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Registriert: Di 11. Jun 2019, 20:09

Shadows Over Sol

Beitrag von Fred »

Ein (weiteres) SF Horror Rollenspiel (so die Eigenbezeichnung), welches im Sonnensystem spielt. Es ist Hard SF (immerhin erwähnt auf der Seite von Atomic Rocket) und technologisch etwas niedriger als Transhuman Space anzusiedeln. Ähnelt sehr dem Setting von The Void, nur dass es anthropozentrisch ist (=nix Alien, AGI, Uplift etc.). Beides sagt übrigens auch der Autor selbst. Mit Horror scheint hier vor allem Survival Horror gemeint zu sein.

In der fiktiven Timeline haben "Subkulturen" (Menschen mit bestimmten gemeinsamen Weltanschauungen) die Nationalstaaten größtenteils abgelöst und sind an die Stelle von ethnischen Zugehörigkeiten getreten. Die beschriebenen Subkulturen erinnern mich allerdings verdächtig an Hippies, Punks, Yuppies, Hippster, Romantiker, Transhumanisten und Anti-Gruftis (haben zwar eine Vorliebe für das Morbide, stehen aber immer früh auf und tragen ausschließlich Weiß). Ich fand die im Regelwerk geschilderten Subkulturen nicht sehr interessant und die ganze Idee auch wenig plausibel (schließlich haben ja sogar Kommunismus oder Islam den Nationalstaat nicht überwunden). Die Subkulturen scheinen im Setting vor allem dazu zu dienen, um durch inkompatible Weltanschauungen soziale Spannung aufzubauen.

Anstelle der Nationalstaaten erbringen die üblichen Megacorps die infrastrukturellen Dienste. Ich verstehe jetzt, dass das nichts anderes ist als Anarchokapitalismus. Anstatt Steuern zu zahlen, zahlt man direkt für spezifische Dienstleistungen. Ohne Kartellbehörden hätte man natürlich sofort Kartellmonopole (und daher Höchstpreise), also gäbe es den aufgrund von maximalen Lebenshaltungskosten verarmten Angestellten und den wohlhabenden Anteilseigner. Oder gäbe es für all die Arbeitslosen ein Grundeinkommen, weil alle ein wenig Aktien besitzen? Oder lohnt es sich für die Megacorps, auch den Unterqualifiziertesten einzustellen...? Schließlich gäbe es ja auch keine Sozialhilfe mehr. Verhungern die Arbeitslosen dann ganz friedlich? Oder rauben sie sich gegenseitig aus, wie in einem kriminellen Perpetuum Mobile? Und gibt es dann noch Banken (weil es ja keine Zentralbak mehr gibt), oder nur noch Blockchainwährungen? Leider werden diese Punkte im Regelwerk nicht angesprochen. Bei einem Cyberpunk-Setting wäre mir das egal, aber die Zielgruppe scheint hier eigentlich eine andere zu sein.
Die Megacorps sind auch hier wieder Quelle des Unheils. Für Horror-Szenarien ist es natürlich gut, wenn keine Hilfe durch die Polizei zu erwarten ist.

Der Spielmechanismus ist die Saga Machine, bei der normale Spielkarten anstelle von Würfeln verwendet werden. Die dazugehörigen Regeln kommen mir umständlich vor, zudem ist das Ermitteln von Probeneffekten sehr prozedural. Für Leute, die das Verfahren mit den Spielkarten prinzipiell nicht mögen, gibt es Alternativregeln mit Würfeln.

Der Autor kennt durchaus Transhuman Space und Eclipse Phase. Das vereinfachte Setting von Shadows Over Sol dient anscheinend vor allem dazu, bestimmte Horror-Aspekte möglich zu machen, die in einem transhumanen Setting nicht (mehr) möglich wären. Viele Hintergrunddetails sind gut ausgearbeitet worden, und man kann den Shadows Over Sol Hintergrund verwenden, um z.B. THS (weniger) oder The Void (viel) zu bereichern (oder umgekehrt).

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“The vast intellect and understanding of the Titans of Hell far exceed anything VEGA is capable of understanding. Ultimately, his intelligence, like ours, is artificial.”

- DOOM